Geistlicher Impuls für die Woche 30/2016

Johannes Klimakos – Stufenleiter zu Gott

csg-0227Jeder kennt sie, jeder erträumt sie: Momente des Glücks. Manchmal sind sie hart erarbeitet, wie ein gutes Schulzeugnis oder eine gelungene Arbeit. Öfter noch sind sie uns einfach geschenkt: beim Anblick von etwas unsagbar Schönem oder in der Begegnung mit einem geliebten Menschen. Glücksmomente erfreuen uns; sie wecken aber auch die Sehnsucht nach Beständigkeit. Glückselig zu werden – nicht nur momenthaft, sondern als Grundstimmung des Lebens – hat der Mönch namens Johannes Klimakos zu seinem Lebensprogramm gemacht. Davon zeugt die kleine Schrift „Die Leiter“, mit der wir uns heute befassen wollen.

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Johannes Klimakos, Quelle: koinoniaorthodoxias.org
Johannes Klimakos, Quelle:
koinoniaorthodoxias.org

Von Johannes Klimakos trennen uns knapp 1.400 Jahre und rund 4.000 km. Er lebte im 6./7. Jh. in der Wüste Sinai. Die Heilige Schrift beschreibt die ägyptische Halbinsel als Ort der Gottesbegegnung. Hier spricht Gott zu Mose und zu Elija. Hier gibt er sich durch äußere Zeichen zu erkennen. Und hier wollte auch Johannes Klimakos nach Gott suchen. Er muss schon früh diese Sehnsucht in sich gespürt haben, denn er trat bereits mit sechzehn Jahren in das Sinaikloster ein und begab sich in die Schule des Abts Martyrius. Später zog er sich als Eremit noch mehr in die Einsamkeit zurück, wurde nach 40 Jahren Abt seines Heimatklosters und verbrachte die letzten Lebensjahre wieder allein in der Wüste.

Den Beinamen „Klimakos“ verdankt der Mönch der eingangs erwähnten Schrift, die er mit „Die Leiter“ (altgriechisch: klimax) überschreibt. Darin fasst er seine Erfahrungen auf dem eigenen geistlichen Weg in eine Anleitung, wie der Mensch zu Gott aufsteigen kann. Er verwendet dabei das biblische Bild der Leiter, die Jakob in seinem Traum sieht (Gen 28,11). Johannes Klimakos übernimmt die Grundaussage, dass die Leiter Erde und Himmel verbindet und somit einen Zugang zu Gott ermöglicht. Während jedoch bei Jakobs Traum die Aktivität bei den Engeln liegt, die auf der Leiter auf- und niedersteigen, ermutigt Johannes Klimakos seine Leser, die Himmelsleiter selbst zu betreten.

Gleich zu Beginn seiner Schrift fasst Johannes Klimakos Ziel und Weg des Aufstiegs in zwei Sätzen zusammen: „Ich sage: Tut alles Gute, was euch zu tun möglich ist. Tut ihr das, so seid ihr nicht mehr fern vom Himmelreiche“. Das Ziel ist die Begegnung mit Gott. Der Weg dahin besteht vor allem im Einüben der Tugenden und dem damit verbundenen Kampf gegen die verschiedenen Anfechtungen, die Johannes Klimakos beschreibt. Es würde den Rahmen dieser kurzen Betrachtung sprengen, wenn wir alle 30 Stufen beschreiben wollten, die Johannes Klimakos erwähnt. Deswegen beschränken wir uns auf einige Aussagen und verweisen jene, die mehr wissen möchten, auf das Buch von Wunibald Müller „Dreißig Stufen zum Paradies“, erschienen im Echter-Verlag 2010.

Am Anfang steht bei Johannes Klimakos die „Sehnsucht nach Gott“, die größer und mächtiger ist als alles, was der Mensch bisher erstrebte. Dem Wunsch, „das Angesicht Gottes“ zu erblicken, wird alles andere untergeordnet. Ihm folgt die „Widmung des Menschen an den Himmel“, die neue Prioritäten setzt und das Leben oftmals auf den Kopf stellt. In dieser Anfangsphase spürt der Gottsucher den starken Drang, sich von allem Bisherigen abzuwenden und sich zurückzuziehen.

„Die Leiter“ von Johannes Klimakos regte zu zahlreichen bildlichen Darstellungen an. Hier: Reproduktion von 2008, Original aus der zweiten Hälfte des 12. Jh., Ikone im Katharinenkloster Sinai/Ägypten, Quelle: Wikimedia Commons
„Die Leiter“ von Johannes Klimakos regte zu zahlreichen
bildlichen Darstellungen an. Hier: Reproduktion von
2008, Original aus der zweiten Hälfte des 12. Jh., Ikone im
Katharinenkloster Sinai/Ägypten, Quelle: Wikimedia Commons

Fern von den üblichen Ablenkungen ist der Mensch besser disponiert, über sich nachzudenken. Die Wahrheit ist oft erschreckend und sie führt immer auch zur Trauer über den eigenen Seelenzustand. Wer aufrichtig Reue empfindet, ist Johannes Klimakos überzeugt, wird sie als Tränen Gott hinhalten. In diesem Fall erübrigen sich für ihn große Bußwerke.

Nach den ersten Schritten auf dem geistlichen Weg wird der Gottsucher bald von zahlreichen Versuchungen heimgesucht, die auf mehreren Stufen warten. Auf der nebenstehenden Ikone sind diese Anfechtungen als schwarze Teufelchen dargestellt, die mit Schlingen und Pfeilspitzen die Menschen von ihrem Aufstieg zu Gott abbringen wollen. Johannes Klimakos beschreibt nicht nur ihre List, sondern auch Möglichkeiten, wie der Kampf gegen sie aufgenommen werden kann.

Gleich zu Beginn warnt er zum Beispiel dringend davor, „alles verschlingen [zu] wollen“, denn man „muss wissen, dass der Teufel oft im Magen sitzt und bewirkt, dass man nie satt wird, wenn man auch das ganze Land Ägypten aufgegessen und den ganzen Nilstrom ausgetrunken hat“. Er bringt die Übung auf eine griffige Kurzformel: „Beherrsche deinen Bauch, damit du nicht von ihm beherrscht wirst.“

Ein weiterer Fallstrick auf dem geistlichen Weg sind zerstörerische Gedanken und Begierden, die den Menschen besetzen. Dem hält Johannes Klimakos die Herzensbildung entgegen: „Ein Gott liebendes Herz, das auf der Hut ist, bewacht mit aller Vorsicht die Gedanken, bändigt die Leidenschaften, zähmt und zügelt die Zunge und verscheucht Gaukeleien der Einbildungskraft.“

Ein Zeichen, dass man schon mehr als die Hälfte der Leiter geschafft hat, ist die Überwindung der Angst. Auf der 20. Sprosse heißt es: „Wer Gott liebt und sich in ihm erfreut, der kennt keine Furchtsamkeit.“ Andernfalls wird er „erschreckt bei jedem Geräusch und von jedem Schatten“.

Je höher die Leiter erklommen wird, desto näher kommt man auch dem Hochmut, der von Johannes Klimakos als „äußerste Armut der Seele“ gebrandmarkt wird. Hochmut ist nicht nur mit arrogantem Verhalten gegenüber den Mitmenschen gleichzusetzen, sondern zeigt sich letztlich im „Verzicht auf den Beistand Gottes, [im] Stolz und Vertrauen auf die eigenen Kräfte.“

Das Streben nach Demut spielt für Johannes Klimakos eine zentrale Rolle; sie taucht in seiner Schrift nicht nur auf der 25. Leiterstufe auf, sondern es findet sich das Loblied auf die Demut auch an anderen Stellen.

Jakobs Vision von der Himmelsleiter – Darstellung in der ev.‐luth. Kirche Nieder Seifersdorf, 17 km nordöstlich von Löbau entfernt, Foto: Jeannette Gosteli
Jakobs Vision von der Himmelsleiter – Darstellung in
der ev.‐luth. Kirche Nieder Seifersdorf, 17 km nordöstlich von Löbau entfernt, Foto: Jeannette Gosteli

Er schreibt zum Beispiel: „Wie die Finsternis verscheucht wird, wenn die Sonne hervortritt, so wird alle Bitterkeit und Aufregung aus der Seele verbannt, wenn der sanfte Hauch der Demut die Seele befallen wird“. Schließlich hat der Demütige „in seinem Herzen ein Licht“. Mehr noch: Die Demut öffnet auch die Pforten des Himmels, wie es auf Stufe 25 heißt: „Die Buße weckt, die Trauer klopft an die Tür des Himmels, aber die Demut öffnet ihm“.

Je mehr sich der Mensch Gott nähert, umso größer wird die Sehnsucht, die ihm am Anfang den Mut gab, überhaupt die Leiter zu erklimmen. Auf der vorletzten Stufe hat der Gottsucher nur noch einen brennenden Wunsch: „Wann komme ich, wann erscheine ich vor dem Antlitz des Herrn? Denn ich kann die Kraft und die Gewalt meiner Sehnsucht nach dir nicht mehr ertragen, mich verlangt nach der unsterblichen Schönheit.“

„Diese letzte und vollkommenste Stufe heiligt den Menschen so sehr und zieht ihn so von allen irdischen Dingen ab, dass sie den, der diesen Hafen der Seligkeit erreicht hat, in der Entzückung des Geistes in den Himmel zur Auferstehung Gottes erhebt.“

Der geistliche Weg, – so lesen wir bei Johannes Klimakos –, ist mit der ständigen Zunahme der Sehnsucht und der Liebe zu Gott verbunden. Diese „Liebe ist in ihrer Beschaffenheit die Ähnlichkeit Gottes, soweit sie in den Menschen erreicht werden kann“. Und sie führt zum Gebet, das in „seinem Wesen zur Vereinigung mit Gott im liebenden Gebet“ führt.

Mit dem Bild der Leiter ermutigt uns Johannes Klimakos, der Sehnsucht in unserem Herzen zu folgen und „das Feuer zu vergrößern, die Wärme zu vermehren, unseren Eifer und unser Verlangen nach dem Himmel immer lebendiger zu machen“. Er hat die geistliche Erfahrung gemacht, dass Gott nicht unerreichbar fern ist und der Mensch schon im Dieseits etwas vom Paradies erspähen kann. Mit seiner geistlichen Belehrung ermutigt er uns, das eigene Leben als Aufstieg zu Gott zu gestalten – in der Hoffnung auf „innerste Herzensfreiheit“ und in „Erwartung seliger und heiterer Ruhe“.

24. Juli 2016
Text: Jeannette Gosteli
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Vermeldungen Löbau vom 23.07.2016

Gottesdienste:
Löbau, Kath. Kirche, August-Bebel-Str. 6

Sonnabend, 23.07. 16.30 Uhr Sakrament der Versöhnung
Sonntag, 24.07. 10.00 Uhr Hl. Messe mit Taufe von Frau Antje Lehmann
Mittwoch, 27.07. 08.30 Uhr Hl. Messe
Sonntag, 31.07. 10.00 Uhr Hl. Messe

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Herrnhut, Kath. Kirche, Oderwitzer Str. 2

Samstag, 23.07. 17.30 Uhr Hl. Messe
Donnerstag, 28.07. 17.30 Uhr Hl. Messe
Samstag, 30.07. 17.30 Uhr Wort-Gottes-Feier

 

Kollekten:

Samstag/Sonntag, 23./24.07. für kirchliches Bauen
Samstag/Sonntag, 30./31.07. für unsere Gemeinde

 

Vorschau

Kreativkreis Montag, 01.08., 14.00 Uhr
Kirchenchor Mittwoch, 03.08., 19.15 Uhr
Kindergottesdienst und Segnung
der Schulanfänger Sonntag, 07.08., 10.00 Uhr

 

Hinweis

  • Messe zum St.-Anna-Fest: Sonntag, 24.07., 16.00 Uhr in Andělka (CZ)
  • Hinten liegt das Angebot für eine Italien-Reise mit Pfr. Glombitza aus.
  • Das neue Informationsblatt für August/September liegt hinten zum Mitnehmen aus.

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Vermeldungen Zittau vom 24.07. 2016

Gottesdienste:

 

Zittau, Kath. Kirche. Lessingstraße 18

Sonntag, 24.07. 10.00 Uhr Hl. Messe                     (++ Angehörige der Familie Schmacht))
Dienstag 08.00 Uhr Hl. Messe, anschl. Rosenkranz
Donnerstag 18.00 Uhr Anbetung des Allerheiligsten
18.30 Uhr Hl. Messe
Freitag 08.00 Uhr Hl. Messe, anschl. Rosenkranz
Samstag 16.00 Uhr Gelegenheit zum Empfang des Sakramentes der Versöhnung
Sonntag, 31.07. 10.00 Uhr Hl. Messe mit Taufe des Kindes
                      Valeria Helene Sampedro Alisch

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Hirschfelde, Kath. Kirche, Komturgasse 9

Samstag, 23.07. 17.30 Uhr Hl. Messe
Sonntag, 31.07. 08.30 Uhr Wort- Gottes- Feier

 

Olbersdorf, Kath. Kapelle, Leipaer Str. 2

Sonntag, 24.07. 08.30 Uhr Hl. Messe
Samstag, 30.07. 17.30 Uhr Hl. Messe

 

Kollekten:

Samstag/Sonntag 23./24.07. für das kirchliche Bauen
Samstag/Sonntag.30./31.07. für unsere Gemeinde

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Vermeldungen Löbau 16.07.2016

Gottesdienste:
Löbau, Kath. Kirche, August-Bebel-Str. 6

Sonntag, 17.07. 10.00 Uhr Hl. Messe
Sonnabend, 23.07. 16.30 Uhr Sakrament der Versöhnung
Sonntag, 24.07. 10.00 Uhr Hl. Messe mit Taufe von Frau Antje Lehmann

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Herrnhut, Kath. Kirche, Oderwitzer Str. 2

Donnerstag, 21.07. 17.30 Uhr Hl. Messe
Samstag, 23.07. 17.30 Uhr Hl. Messe

 

Weißenberg, Ev. Kirche

Sonntag, 17.07. 08.00 Uhr Hl. Messe

 

Kollekten:

Samstag/Sonntag, 16./17.07. für unsere Gemeinde
Samstag/Sonntag, 23./24.07. für kirchliches Bauen

 

Veranstaltungen

Kreativkreis Montag, 18.07., 14.00 Uhr
Kirchenrat Donnerstag, 21.07., 19.30 Uhr

 

Hinweis

  • Messe zum St.-Anna-Fest: Sonntag, 24.07., 16.00 Uhr in Andělka (CZ)
  • Hinten liegt das Angebot für eine Italien-Reise mit Pfr. Glombitza aus.

 

Trauer in unserer Gemeinde

Verstorben ist am 04.07.2016 Frau Elisabeth Sachse, 93 Jahre, aus Ebersdorf.

Der Termin der Beisetzung steht noch nicht fest.    R.i.p.

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Geistlicher Impuls für die Woche 29/2016

Der hl. Bonaventura – ein Mann des geistlichen Gespürs

0715wIn der letzten Woche haben wir den hl. Bonaventura als mutigen und friedliebenden Menschen kennengelernt. Wie versprochen setzen wir heute mit seinem Lebensbild fort und gehen auf sein Wirken als geistlicher Lehrmeister ein. Wir wollen uns dabei zunächst auf sein Hauptwerk beschränken, das in den Kanon der spirituellen Literatur aufgenommen wurde. Es trägt den lateinischen Titel „Itinerarium mentis in deum“ (Die Pilgerreise des Menschen zu Gott) und gibt jenen eine tiefgründige Anleitung, die sich auf den Weg gemacht haben, um Gott kennen und lieben zu lernen.

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Rückbindung an Franziskus als Nachahmer Christi

Bonaventura beginnt seine Abhandlung mit einem Gebet und bittet um „erleuchtete Augen des Geistes, um unsere Füße zu lenken auf den Weg (jenes) Friedens, der alles Empfinden übersteigt“. Im heiligen Franziskus erkennt Bonaventura den Weg zu diesem ersehnten Frieden. Im Prolog erklärt er: „Diesen Frieden hat unser Herr Jesus Christus verkündigt und gegeben. Und unser Vater Franziskus hat seine Predigt aufgenommen, indem er in jeder seiner Predigten zu Anfang und am Ende den Frieden verkündete, in jedem Gruß Frieden wünschte, in jeder Betrachtung nach dem Übermaß des Friedens seufzte.“

Das Kloster La Verna auf über 1.000 m Höhe, zwei Autostunden von Florenz entfernt, Foto: Jeannette Gosteli
Das Kloster La Verna auf über 1.000 m Höhe, zwei Autostunden von
Florenz entfernt, Foto: Jeannette Gosteli

Als immer mehr Unfrieden im Orden einzieht, als Überheblichkeit und Konkurrenz zunehmen, betont Bonaventura das friedliebende Charisma des Franziskus und seine starke Bindung an Christus. An einen Mitbruder schreibt er: „Der Grund, aus dem ich das Leben des seligen Franziskus am meisten liebe, ist die Tatsache, dass es den Anfängen und der Entwicklung der Kirche ähnlich ist. Die Kirche hat mit einfachen Fischern begonnen, und sie wurde in der Folge durch weise und berühmte Gelehrte bereichert; die Frömmigkeit des seligen Franz ist nicht durch menschliche Klugheit bestimmt worden, sondern durch Christus“.

Bonaventura weiß, dass all die Probleme im Orden nur zu lösen sind, wenn sich seine Gemeinschaft wieder stärker an Franziskus mit seiner außergewöhnlichen Christusbeziehung orientiert. Deswegen beschließt er, das Itinerarium als Anleitung für den geistlichen Weg zu verfassen. Bonaventura hat dabei den einzelnen vor Augen, der seine Energie nicht in Streitereien vergeuden, sondern lieber alle Kräfte für den eigenen geistlichen Fortschritt einsetzen soll.

 

Eine Anleitung, den „Frieden des Geistes“ zu finden

Bonaventura reist dazu an die Stätte, die für Franziskus zum Höhepunkt seiner Gottessuche wurde: auf den Berg La Verna, wo dem Ordensvater in einer Vision ein sechsflügeliger Seraph und in diesem das Antlitz Christi erscheint. Bonaventura deutet die Vision als „Erhebung unseres Vaters [Franziskus] in der Beschauung und den Weg, auf dem man zu ihr gelangt.“

Franziskus und der sechsflügelige Seraph auf einer Freske von Giotto di Bondone in der Kirche San Francesco in Assisi, Quelle: Wikimedia Commons
Franziskus und der sechsflügelige Seraph auf einer Freske von Giotto di Bondone in der Kirche San Francesco in Assisi, Quelle: Wikimedia Commons

Im Itinerarium zeichnet Bonaventura diesen Weg nach, „hinüberzugehen zum Frieden durch die alles überschreitende christliche Weisheit. Der Weg dahin ist einzig die glühende Liebe zum Gekreuzigten.“ In den sechs  Seraphsflügeln erkennt Bonaventura „sechs aufsteigende Erleuchtungen …, die bei den Geschöpfen beginnen und bis zu Gott führen“. Das Antlitz Christi weist darauf hin, dass im Gekreuzigten „Tür und Weg“ zu diesem Aufstiegsweg zu finden sind.

Am Anfang steht dabei die Sehnsucht, wie Bonaventura weiter ausführt: „Keiner ist … auch nur irgendwie disponiert für eine von Gott geschenkte Beschauung, die zur Entrückung des Geistes führt, wenn er nicht wie Daniel ein ‚Mann der Sehnsucht‘ ist. Sehnsucht aber lässt sich in uns auf zweifache Weise entflammen: durch das laute Rufen im Gebet, wenn der Mensch das Seufzen seines Herzens nicht zurückhält, sondern ungehemmt ausbrechen lässt, und durch den aufleuchtenden Glanz in der Betrachtung, wodurch der Geist sich den Strahlen des Lichtes direkt und ganz gesammelt zuwendet“.

Die sechs Etappen auf dem Weg zu Gott beschreibt Bonaventura mit sechs verschiedenen Betrachtungen. Er beginnt bei der sichtbaren Welt, denn in ihr nehmen wir sie „gleichsam als Spiegel für uns, durch den wir hinübergehen zu Gott. … Aus der Größe und Schönheit des Geschaffenen nämlich kann ihr Schöpfer erkannt werden. Des Schöpfers höchste Mächtigkeit, Weisheit und Güte leuchtet wider im Geschaffenen“.

Bonaventura geht auf diese Betrachtung der äußerlichen Dinge auf der ersten und zweiten Etappe ausführlich ein und wirbt, alles genau anzuschauen: den Ursprung der Dinge, ihre Größe, Vielfalt und Schönheit, auch die Fülle und die Wirkkräfte ihrer Ordnung. Schließlich resümiert er: „Wer angesichts eines solchen Glanzes der geschaffenen Dinge nicht erleuchtet wird, der ist blind! Wer bei solch lautem Rufen nicht erwacht, der ist taub! Wer aus all diesen Wirkungen keinen Anlass nimmt, Gott zu loben, ist stumm! Wem trotz derart deutlicher Zeichen der Erste Ursprung nicht in den Sinn kommt, der ist stumpfsinnig!“

Auf der dritten und vierten Stufe erfolgt die Erforschung der Seele, indem der Mensch dem Guten in sich nachspürt und zu staunen beginnt, wie Gott an ihm wirkt und ein neues Bild schafft.

Schließlich soll sich die Seele ganz der Betrachtung Gottes widmen und sein Dasein bedenken. In der Beziehung von Vater, Sohn und Heiligem Geist lässt sich die Heilskraft Gottes erkennen.

Diese sechs Schritte führen den Menschen in eine innige Beziehung zu Gott; etwas ganz Neues tut sich auf. Deswegen spricht Bonaventura vom „Hinübergehen“. Den sechs Stufen des Aufstiegs ordnet er sechs Seelenkräfte zu: „die Sinne, die Vorstellungskraft, der Verstand, die Vernunft, die Ein­sicht und … das Fünklein der Synderesis [des Gewissens als verbliebenes Fünklein Gottes]. Diese Stufen besitzen wir in uns als von Natur eingepflanzt, durch die Schuld freilich entstellt, durch die Gnade wiederhergestellt. Sie bedürfen der Reinigung durch Gerechtigkeit, der Gestaltung durch Wissen, der Vollendung durch Weisheit.“

 

Erweckung der geistlichen Sinne

Ein wichtiger Schritt auf dem Glaubensweg ist für Bonaventura die Erweckung der geistlichen Sinne, auf die er ausführlich im Itinerarium eingeht. Der Aufstieg geht mit der zunehmenden Ausprägung eines feinen geistlichen Gespürs einher. Unter „geistlichem Sinn“ versteht er, wie an anderer Stelle beschrieben, „das innerliche Mitwirken mit der Gnade … im Hinblick auf Gott selbst“.

Hl. Bonaventura – Ölbild von Claude François, ca. 1650, National Gallery of Canada in Ottawa Quelle: Wikimedia Commons
Hl. Bonaventura – Ölbild von Claude François,
ca. 1650, National Gallery of Canada in Ottawa
Quelle: Wikimedia Commons

Weiter heißt es im Itinerarium: „Wenn die Seele an Christus glaubt, auf ihn hofft und den liebt, der … der Weg, die Wahrheit und das Leben [ist], wenn sie im Glauben Christus als das ungeschaffene Wort umfängt, das da ist Wort und Abglanz des Vaters, dann erlangt sie das geistliche Gehör und Gesicht wieder: das Gehör, um die Lehre Christi zu vernehmen, das Gesicht, um den Glanz jenes Lichtes zu schauen. Wenn sie voll Hoffnung sich darnach sehnt, das eingehauchte Wort aufzunehmen, erhält sie durch Verlangen und Liebe den geistlichen Geruchssinn wieder. Umfängt sie in Liebe das fleischgewordene Wort, um von ihm mit Wonne erfüllt und durch ekstatische Liebe darin umgewandelt zu werden, dann wird ihr der Geschmack- und Tastsinn zurückgegeben. Hat die Seele diese Sinne wiedererlangt, dann sieht, hört, riecht, kostet und umfängt sie den Bräutigam und kann wie die Braut das Hohe Lied singen.“

Das Schlusswort im Itinerarium verdeutlicht noch einmal Bonaventuras Grundanliegen: „Wenn du nun fragst, wie das [die innige Gemeinschaft mit Gott] geschehen soll, befrage die Gnade, nicht die Lehre; die Sehnsucht, nicht die Erkenntnis; das Seufzen des Gebets, nicht das beflissene Lesen; den Bräutigam, nicht einen Lehrer; Gott, nicht den Menschen; die Dunkelheit, nicht die Klarheit;  nicht das Licht, sondern das Feuer, das ganz und gar in Brand setzt … Gehen wir mit Christus, dem gekreuzigten Christus, aus dieser Welt zum Vater, damit wir, wenn uns der Vater gezeigt wird, mit Philippus sprechen können: ‚Das genügt uns‘.“

 

 

17. Juli 2016
Text: Jeannette Gosteli
  Geistlicher Impuls als Pdf-Datei

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