Geistliche Impulse

Wöchentliche Gedanken, Anregungen oder Übungen für die Praxis christlicher Spiritualität


 

Bruder Klaus und sein Traum

 

Heilige haben es nicht leicht; sie können kaum noch beeinflussen, was nachfolgende Generationen aus ihren Lebenszeugnissen machen. Dabei würden sie sicher gern öfters einmal eingreifen – vor allem wenn sich heutige Menschen nur auf jene Aspekte konzentrieren, die gerade den jeweiligen Zeitgeist treffen; wenn nur das herauspickt wird, was eigene Anschauungen und Lebensstile zu bestätigen vermag. Nicht selten passiert es, dass die Botschaften solch großer christlicher Gestalten nur bruchstückhaft wahrgenommen werden. Ein Heiliger, der ganz besonders in dieser Gefahr der Verkürzung steht, ist Niklaus von Flüe – auch liebevoll Bruder Klaus genannt. Keine Frage, der Schweizer Nationalheilige ist wegen seiner einstigen Friedensbemühungen hochgeschätzt. Doch andere Aspekte seiner Lebensweise blenden wir lieber aus: seine Gottsuche außerhalb der gewöhnlichen Gestaltungsräume – außerhalb von Arbeit, Familie, Freizeit. Bruder Klaus wird in diesem Jahr groß gefeiert; sein Geburtstag jährt sich zum 600. Mal und auch die Heiligsprechung vor 70 Jahren ist ein Grund zum Feiern. Wir wollen den morgigen Gedenktag (25. September) zum Anlass nehmen, um uns der provokativen Seite des Heiligen ein wenig zu nähern.

 

 

Von der Sehnsucht zum Bild

Wir wählen uns dazu die sogenannte Brunnenvision, die uns Bruder Klaus geschenkt hat. Sie wurde um das Jahr 1500 in zwei verschiedenen Versionen niedergeschrieben. Doch bevor wir uns dem Wortlaut aus der ältesten Biografie von Heinrich Wölflin zuwenden, bedarf es eines wichtigen Vorspanns. Denn Bruder Klaus und seine Visionen sind nur zu verstehen, wenn wir auch ein Gespür für seine außergewöhnliche Sehnsucht nach Gott bekommen.

Der sich nach Gott sehnende Bruder Klaus – Darstellung in der Multimedia-Präsentation im Museum in Sachseln/CH

Zum besseren Verständnis wollen wir zunächst auf unsere Erfahrungen aus dem zwischenmenschlichen Bereich schauen. Denn wir wissen aus eigenem Erleben, dass Traumbilder oft mit der inneren Sehnsucht verknüpft sind. Einen Menschen, den wir über alles lieben, stellen wir gern vor unser geistiges Auge. Wir erträumen uns seine Gegenwart – sein Angesicht, seine Stimme, seine Berührung. Und manchmal ist es uns auch geschenkt, dass er uns in den nächtlichen Träumen erscheint und uns auf wichtige Dinge hinweist. Natürlich können heute Psychologen solche Traumerlebnisse mit ganz gewöhnlichen Gehirnaktivitäten erklären. Aber wer würde das schon hören wollen, wenn ihm im Traum das begegnet, wonach sich sein Herz am meisten sehnt. Solche Träume, solche Bilder sind und bleiben immer etwas Besonderes. Bruder Klaus muss einer gewesen sein, der eine solch starke Sehnsucht nicht nur nach einem geliebten Menschen, sondern auch nach Gott verspürt hat. Das wird auf vielen Darstellungen sichtbar – wie auch auf jener, die wir in den Text eingefügt haben. Die Augen des Einsiedlers aus Flüeli sind zum Himmel gerichtet; das ausgemergelte Gesicht unterstreicht den Hunger nach der Gottesbegegnung. Deswegen muss es uns nicht wundern, dass er auch von göttlichen Dingen träumte.

 

Vom Bild zur Wahrheit

Einer dieser Träume dreht sich um einen geheimnisvollen Brunnen. Zu dieser Vision gibt es eine zeitgenössische Illustration, die uns bei der Interpretation des Textes helfen wird. Sie stammt von Klaus Peter Schäffel, einem Schweizer Künstler, der die älteste Biographie über Bruder Klaus sowohl kalligraphisch, als auch mit neuen Bildern gestaltet hat. Das Besondere an seinen Zeichnungen ist der Gegenwartsbezug, den er in das Visionsgeschehen einbringt. Bei der Illustration der Brunnenvision fällt er durch das graublaue Bildfeld besonders ins Auge.

Brunnenvision – zeitgenössische Illustration von Klaus Peter Schäffel für das Buch „Nikolaus von Flüe – Die älteste Biographie über Bruder Klaus“ von Heinrich Wölflin aus dem Jahr 1501, erschienen im Verlag Lothar Kaiser, Malters

In der genannten Biografie sind der Brunnenvision zwei andere Erscheinungen vorgelagert. Zunächst sieht Bruder Klaus, wie sein Lieblingspferd eine Lilie verschlingt und er versteht – so wörtlich niedergeschrieben –, „dass Himmelsgaben ersticken müssen, sobald sie mit den Sorgen und Geschäften des irdischen Lebens vermengt werden“. Kurz darauf begegnet ihm ein ehrwürdiger Greis, der es vermochte, ein Lied dreistimmig zu singen – ein Zeichen für Bruder Klaus, „dass sich die ungeteilte Gottheit in drei geheimnisvoll verschiedene Personen in diesem Bild ihm habe offenbaren wollen“.

Beide Erkenntnisse werden in der Brunnenvision vereint. Auch hier begegnet Bruder Klaus dem Göttlichen als „dem einig Wesen“, dem dreifaltigen Gott. Auch hier wird die Geschäftigkeit des Menschen zum größten Hindernis für das Erkennen und Nutzen der göttlichen Quelle. Schauen wir genauer hin! Im Visionsbericht heißt es, dass Bruder Klaus mitten in einem kleinen Ort einen wunderschönen Palast entdeckt, aus dem Öl, Wein und Honig fließen. Neugierig nach dem Ursprung dieser drei Ströme, steigt er eine Treppe hinauf und findet „einen großen Behälter, ganz voll von gleicher Flüssigkeit“. Die Biografie vermerkt dazu: „Auf diese Weise wurde der Gottesmann noch tiefer in die Geheimnisse der göttlichen Dreifaltigkeit eingeweiht.“ Anschließend geht Bruder Klaus hinaus und sieht viele „Menschen, die alle wie Ameisen geschäftig nach Gewinn und irdischem Reichtum strebten“. Dabei stößt Bruder Klaus nicht auf eine außergewöhnliche Gier, wie auch wir sie verachten würden. Er hat vielmehr das alltägliche Treiben im Blick, mit dem sich die Menschen ihren Lebensunterhalt beschaffen – mit Dingen, die zwar Geld einbringen, die aber genauso gut entbehrlich sind: Zölle auf Wegen wie auf Brücken und auch alle Arten von Vergnügungen. Bemerkenswert ist hierbei eine Formulierung aus der anderen Version der Brunnenvision. Bruder Klaus wundert sich, dass die Menschen „so viel arbeiteten und dennoch so arm waren“. Wir sehen, die Visionsbilder helfen Bruder Klaus, immer tiefer in das göttliche Geheimnis einzudringen. Gleichzeitig wird ihm bewusst, wie isoliert er mit diesen Erkenntnissen ist. Denn im Haus, aus der die göttliche Quelle sprudelt, ist Bruder Klaus ganz allein.

Klaus Peter Schäffel zeichnet die Brunnenvision mit zwei Kontrastfeldern. Rechts oben dominiert der graue Arbeitsalltag heutiger Menschen. In den lebensfeindlichen Betonwüsten der Städte gibt es nur zwei Extreme: Entweder sind die Menschen in ständiger Betriebsamkeit gefangen oder sie hängen passiv im Stau. Ganz anders wirkt der Brunnen, den uns Bruder Klaus zeigen will. Alles strahlt eine gewisse Ruhe aus und zugleich spüren wir in den Farben und der Wasserbewegung etwas Lebendiges. Zudem wird die Vision vom Künstler in eine intakte Natur hineingestellt; das erinnert an die von der hl. Hildegard von Bingen gepriesene „Grünkraft“ und ihre Aussage, dass uns alles wirklich Wichtige bereits im Übermaß von Gott geschenkt ist. Freilich hat das Sprachbild von der Überfülle im Laufe der Jahrhunderte etwas an Kraft verloren. In Europa kämpfen wir eher mit Überproduktionen von Wein, Öl und Honig, als dass wir Sehnsucht nach mehr empfinden könnten. Vielleicht hilft es uns, wenn wir diese drei Gaben mehr im übertragenen Sinne verstehen. Wein bringt Freude ins Leben. Öl steht für Erhellung, für Wahrheit. Und Honig versüßt alles; er ist ein Bild für die Güte. Und nun können wir uns fragen: Wo finden wir denn übergroße Freude, wo bis ins Letzte reichende Erkenntnis, wo unerschöpfliche Liebe? In der Brunnenvision heißt es ganz klar: nicht in der Geschäftigkeit, nicht in den käuflichen Vergnügungen. Eine harte Aussage! Denn sie zeigt auf, dass auch wir mit unseren zahlreichen Beschäftigungen in der kalt grauen Wüste gefangen sein könnten. Bruder Klaus möchte uns in eine andere Richtung lenken. Vielleicht ist es kein Zufall, dass seine Heimat nicht weit vom geografischen Mittelpunkt der Schweiz entfernt liegt. Auch Bruder Klaus will uns zur Mitte führen – zu unserer eigenen Mitte tief im Inneren; zu einem Ort, an dem wir selbst Gottes überfließende Quelle erfahren können. Die Brunnenvision ist ein Traum, den wir nachträumen können; sie ist ein Blick auf ein besseres Leben, das uns offensteht.

 

24. Sept. 2017
Text: Jeannette Gosteli
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