Geistliche Impulse

Wöchentliche Gedanken, Anregungen oder Übungen für die Praxis christlicher Spiritualität


 

Einstimmen auf Weihnachten mit Teresa von Ávila (Teil 3: sich einfühlen)

 

Noch fünf Wochen bis Weihnachten – fünf Wochen, die uns noch bleiben, um den weiteren geistlichen Weg kennenzulernen, den Teresa von Avila mit dem Bild der inneren Burg beschreibt. In der letzten Woche konnten wir schon die erste der insgesamt sieben Wohnungen betreten. Wir erinnern uns: Diese erste Wohnung ist kein angenehmer Ort, denn hier ist der Suchende immer noch weit entfernt von der Mitte der Burg, d. h. fernab von Gottes Nähe und Licht. Er ist vor allem der Gefahr ausgesetzt, durch die vielen Versuchungen das Ziel aus den Augen zu verlieren. Deswegen ist es gut, wenn Teresa auf das Kommende verweist. Denn wer weitergeht, kann der ersten Wohnung entfliehen und die zweite erreichen. Hier nimmt die Gefährdung, vom Weg abzukommen, deutlich ab, dafür nimmt eine andere Schwierigkeit zu.

 

Das entscheidend Neue in der zweiten Wohnung

Hl. Teresa von Ávila – moderne Bronzefigur vor dem Kloster der Menschwerdung in Ávila

Der wichtigste Unterschied zwischen der ersten und zweiten Wohnung besteht für Teresa in der Empfindsamkeit der Seele. In der ersten Wohnung sind wir noch taub und hören das Rufen Gottes gar nicht. Deshalb orientieren wir uns mehr am Zeitgeist und können daher im eigenen Tun kaum Anstößiges entdecken. Erst durch die schmerzhafte Selbsterkenntnis verliert die Seele allmählich ihre Abstumpfung; sie wird aufgeweckt und beginnt zu hören. Teresa weist ganz richtig darauf hin, dass uns Gott die ganze Zeit über ruft, damit wir zu ihm finden. Es ist allein eine Frage der Wahrnehmung.

Wie kann man sich dieses Rufen vorstellen? Die erfahrene Ordensfrau weiß: Hier – am Anfang des geistlichen Weges – ertönt die göttliche Stimme zunächst „aus Worten, die wir von guten Menschen hören, oder aus Gebeten, aus der Lektüre guter Bücher“, auch aus „Krankheiten, Mühsalen oder irgendeiner Wahrheit“, die uns im Gebet geschenkt wird. Wer eine Vorstellung bekommen möchte, wie sich dieses Rufen Gottes ganz konkret zeigt, dem sei die Vita Teresas empfohlen. In unzähligen Beispielen erzählt sie in diesem Lebensbuch, wie Gott sie seit Kindesbeinen an immer wieder zu sich ziehen wollte. Solche Berichte wirken ansteckend – ein Beispiel ist Edith Stein, die Teresas Vita in einer Nacht durchlas und dabei eine tiefe Gewissheit über die Richtigkeit dieses Weges erlangte.

Manchen befällt eine große Unsicherheit, wie er auf dieses Rufen antworten soll; diese geistliche Erfahrung ist vielen vertraut. Teresa ist klar: Gott „ist geduldig genug, um viele Tage und Jahre zu warten, besonders wenn er Beharrlichkeit und guten Willen sieht. Diese Ausdauer ist hier das Wichtigste, denn mit ihr werden wir nie leer ausgehen, sondern reichen Gewinn erlangen“. Oder anders gesagt: Manchmal gibt es keine schnellen Antworten; dann muss die Ungewissheit über das Weitergehen einfach ausgehalten und die Offenheit für Neues bewahrt werden.

Mit der Fähigkeit, Gottes Rufen wahrzunehmen, ist der Übergang zur zweiten Wohnung bereitet. Hier sind nun „die Vernunft lebendiger, die Geisteskräfte […] wendiger“. Die suchende Seele durchschaut das Spiel des Teufels, sie vom geistlichen Weg abhalten zu wollen. Deswegen muss der Widersacher geschickter vorgehen; er lässt daher „alle Befriedigungen, welche die Erde gewährt, […] als etwas beinahe Ewiges erscheinen: das Ansehen, das man auf ihr genießt, die Freunde und Verwandten, die Gesundheit“. Teresa appelliert an dieser Stelle an den Verstand. Man soll bedenken, wie belanglos all die irdischen Dinge sind, verglichen mit dem, was uns im Burginneren erwartet.

Mit der wacheren Vernunft wird dem Suchenden allerdings auch bewusst, wie weit er sich immer wieder von Gott entfernt, obwohl er es nicht will. Schuld sind nach Ansicht Teresas vor allem „die Gewöhnung an die eitlen Dinge und die Erfahrung, dass alle Welt sich mit ihnen abgibt“. Sie vergleicht unsere Situation mit einem Menschen, der von einer Schlange gebissen wurde, weil er sich nicht genügend vorsah. Und nun ist es schwierig, das Gift wieder loszuwerden. Die zweite Wohnung ist für Teresa noch kein Ort, „wo es Manna regnet“. Stattdessen wird die Seele erneut aufs Schlimmste bedrängt. In bildgewaltigen Worten warnt Teresa: „Die Hiebe sausen so heftig hernieder, die Geschütze donnern so mächtig.“ Aber sie belässt es nicht bei dieser beängstigenden Vorschau, sondern gibt hilfreiche Hinweise, wie die Prüfungen bestanden werden können.

 

Teresas Empfehlungen

Gegeißelter Jesus – Teresas Besitz, ausgestellt im Museum Alba de Tormes

Teresa hat selbst erfahren, wie entscheidend es für das geistliche Vorankommen ist, mit wem man sich abgibt. Sie wirbt dafür, „mit Menschen umzugehen, die nach demselben Ziele streben“. Dabei soll sich die Seele in der inneren Burg „nicht nur an die halten, die im gleichen Raum sind, wo sie sich selber befindet, sondern auch an jene, von denen sie weiß, dass sie schon weiter zur Mitte vorgedrungen sind“. Sie spricht hier wieder aus Erfahrung, denn erst durch die Begegnung mit wirklich guten Seelenführern wie Pater Jerónimo Gracián findet Teresa selbst aus den Dunkelheiten der ersten Wohnung zum Licht. Sie rät deshalb, die seelischen Nöte nicht in sich hineinzufressen, sondern „sich mit erfahrenen Personen zu besprechen“.

In eine ähnliche Richtung geht auch ihre Empfehlung, die Nähe Jesu zu suchen. In all ihren Werken kommt Teresa immer wieder darauf zu sprechen, wie wichtig für das geistliche Leben die persönliche Beziehung zu ihm ist. Sie kennt dabei zwei verschiedene Wege: die Betrachtung des Lebens und Leidens Jesu, um ganz rational zu erfassen, was er für uns getan hat; aber auch, sich vorzustellen „bei Christus zu sein, und es sich zur Gewohnheit zu machen, sich sehr in seine heilige Menschheit zu verlieben, ihn immerfort bei sich zu haben und mit ihm zu sprechen, ihn in seinen Nöten zu bitten, sich in seinen Plagereien bei ihm zu beklagen, in glücklichen Stunden sich mit ihm zu freuen und ihn deswegen nicht zu vergessen, ohne sich um vorformulierte Gebete zu bemühen, sondern mit Worten, wie sie seinen Wünschen und seinem Bedürfnis entsprechen“.

In der Vita bedenkt Teresa auch, dass es nicht nur auf Worte ankommt, um die Nähe Jesu zu gewinnen, sondern mehr noch auf die Innigkeit. Teresa gewinnt diese Vertrautheit vor allem durch die nebenstehende Christusfigur, die sie immer wieder gern betrachtet und bei der sie gerne verweilt. In der Vita schreibt sie dazu: Man sollte „mit dem Verstand schweigen und […] den anschauen, der mich anschaut“. Hier deutet die Mystikerin schon an, was in den folgenden Wohnungen erfahrbar wird: die Gegenwart Gottes.

 

Geistliche Übung

Kreuztragender Jesus – polychrome Holzskulptur, Bestandteil einer Passionsfigurengruppe aus dem 17. Jh., ausgestellt im Colegio de San Gregorio in Valladolid

Im spanischen Valladolid wird ein schöner Brauch aus der Zeit Teresas wachgehalten: Bei der Karfreitagsprozession trägt oder fährt man lebensgroße Figurengruppen, sogenannte pasos, durch die Stadt. Die Gläubigen sollen mit diesen Nachbildungen des Kreuzweges Jesu emotional berührt werden und sich auf diese Weise in das einstige Geschehen einfühlen. In Anlehnung an diese alte Tradition und auf ausdrückliche Empfehlung Teresas sei wieder eine geistliche Übung genannt – diesmal, um mit den Herausforderungen der zweiten Wohnung der inneren Burg fertig zu werden.

Zu empfehlen ist zum Beispiel das bewusste Anschauen einer Figur des leidenden Christus. Wer nicht selbst über ein ansprechendes Exemplar verfügt, kann einmal beim nächsten Kirchenbesuch gezielt danach suchen. Bei unseren nordböhmischen Nachbarn sind auch in der freien Flur viele solcher Jesusdarstellungen zu finden – meist als Korpus an Wegkreuzen, mitunter auch als Bilder an Felsen oder als freistehende Plastiken. Teresa ermuntert in ihrem Werk „Die innere Burg“, nicht nur bei einer solchen Jesusfigur zu verweilen, sondern uns auch an das Kreuz zu klammern. Sie meint das natürlich sinnbildlich. Doch wir können durchaus einmal das Experiment wagen, das Kreuz – ähnlich wie auf dem untenstehenden Bild von Sieger Köder – wirklich zu umfassen und nachzuspüren, was wir dabei empfinden. Wir können auch – wie schon bei der ersten Wohnung – versuchen, aufkommende Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Vielleicht so:

 

Bild aus dem Kreuzwegzyklus von Sieger Köder, Stephanuskirche in Wasseralfingen

Rissig ist das Holz.
Rissig wie der Freundesbruch.
Wie das viele Vertrocknete in mir.
Aber auch wie neue Lebensnischen.

Hart ist das Holz.
Hart wie der einstige Urteilsspruch.
Wie das Erstarrte in mir.
Aber auch wie neuer Lebenshalt.

Nass ist das Holz.
Nass wie der blutende Kreuzesstamm.
Wie der weinende Seelengrund in mir.
Aber auch wie neuer Lebenssaft.

Kalt ist das Holz.
Kalt wie jene Mördertat.
Wie das Abgestorbene in mir.
Aber auch wie neue Lebensfrische.

Nah ist das Holz.
Nah wie das unrechte Leid.
Wie die eigene Ohnmacht in mir.
Aber auch wie neue Lebenskraft.

 

19. Nov. 2017
Text und Fotos: Jeannette Gosteli
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Weitere geistliche Impulse

2017


2016

2015

 

Einstimmen auf Weihnachten mit Teresa von Ávila (Teil 3: sich einfühlen)

 

Noch fünf Wochen bis Weihnachten – fünf Wochen, die uns noch bleiben, um den weiteren geistlichen Weg kennenzulernen, den Teresa von Avila mit dem Bild der inneren Burg beschreibt. In der letzten Woche konnten wir schon die erste der insgesamt sieben Wohnungen betreten. Wir erinnern uns: Diese erste Wohnung ist kein angenehmer Ort, denn hier ist der Suchende immer noch weit entfernt von der Mitte der Burg, d. h. fernab von Gottes Nähe und Licht. Er ist vor allem der Gefahr ausgesetzt, durch die vielen Versuchungen das Ziel aus den Augen zu verlieren. Deswegen ist es gut, wenn Teresa auf das Kommende verweist. Denn wer weitergeht, kann der ersten Wohnung entfliehen und die zweite erreichen. Hier nimmt die Gefährdung, vom Weg abzukommen, deutlich ab, dafür nimmt eine andere Schwierigkeit zu.

 

Das entscheidend Neue in der zweiten Wohnung

Hl. Teresa von Ávila – moderne Bronzefigur vor dem Kloster der Menschwerdung in Ávila

Der wichtigste Unterschied zwischen der ersten und zweiten Wohnung besteht für Teresa in der Empfindsamkeit der Seele. In der ersten Wohnung sind wir noch taub und hören das Rufen Gottes gar nicht. Deshalb orientieren wir uns mehr am Zeitgeist und können daher im eigenen Tun kaum Anstößiges entdecken. Erst durch die schmerzhafte Selbsterkenntnis verliert die Seele allmählich ihre Abstumpfung; sie wird aufgeweckt und beginnt zu hören. Teresa weist ganz richtig darauf hin, dass uns Gott die ganze Zeit über ruft, damit wir zu ihm finden. Es ist allein eine Frage der Wahrnehmung.

Wie kann man sich dieses Rufen vorstellen? Die erfahrene Ordensfrau weiß: Hier – am Anfang des geistlichen Weges – ertönt die göttliche Stimme zunächst „aus Worten, die wir von guten Menschen hören, oder aus Gebeten, aus der Lektüre guter Bücher“, auch aus „Krankheiten, Mühsalen oder irgendeiner Wahrheit“, die uns im Gebet geschenkt wird. Wer eine Vorstellung bekommen möchte, wie sich dieses Rufen Gottes ganz konkret zeigt, dem sei die Vita Teresas empfohlen. In unzähligen Beispielen erzählt sie in diesem Lebensbuch, wie Gott sie seit Kindesbeinen an immer wieder zu sich ziehen wollte. Solche Berichte wirken ansteckend – ein Beispiel ist Edith Stein, die Teresas Vita in einer Nacht durchlas und dabei eine tiefe Gewissheit über die Richtigkeit dieses Weges erlangte.

Manchen befällt eine große Unsicherheit, wie er auf dieses Rufen antworten soll; diese geistliche Erfahrung ist vielen vertraut. Teresa ist klar: Gott „ist geduldig genug, um viele Tage und Jahre zu warten, besonders wenn er Beharrlichkeit und guten Willen sieht. Diese Ausdauer ist hier das Wichtigste, denn mit ihr werden wir nie leer ausgehen, sondern reichen Gewinn erlangen“. Oder anders gesagt: Manchmal gibt es keine schnellen Antworten; dann muss die Ungewissheit über das Weitergehen einfach ausgehalten und die Offenheit für Neues bewahrt werden.

Mit der Fähigkeit, Gottes Rufen wahrzunehmen, ist der Übergang zur zweiten Wohnung bereitet. Hier sind nun „die Vernunft lebendiger, die Geisteskräfte […] wendiger“. Die suchende Seele durchschaut das Spiel des Teufels, sie vom geistlichen Weg abhalten zu wollen. Deswegen muss der Widersacher geschickter vorgehen; er lässt daher „alle Befriedigungen, welche die Erde gewährt, […] als etwas beinahe Ewiges erscheinen: das Ansehen, das man auf ihr genießt, die Freunde und Verwandten, die Gesundheit“. Teresa appelliert an dieser Stelle an den Verstand. Man soll bedenken, wie belanglos all die irdischen Dinge sind, verglichen mit dem, was uns im Burginneren erwartet.

Mit der wacheren Vernunft wird dem Suchenden allerdings auch bewusst, wie weit er sich immer wieder von Gott entfernt, obwohl er es nicht will. Schuld sind nach Ansicht Teresas vor allem „die Gewöhnung an die eitlen Dinge und die Erfahrung, dass alle Welt sich mit ihnen abgibt“. Sie vergleicht unsere Situation mit einem Menschen, der von einer Schlange gebissen wurde, weil er sich nicht genügend vorsah. Und nun ist es schwierig, das Gift wieder loszuwerden. Die zweite Wohnung ist für Teresa noch kein Ort, „wo es Manna regnet“. Stattdessen wird die Seele erneut aufs Schlimmste bedrängt. In bildgewaltigen Worten warnt Teresa: „Die Hiebe sausen so heftig hernieder, die Geschütze donnern so mächtig.“ Aber sie belässt es nicht bei dieser beängstigenden Vorschau, sondern gibt hilfreiche Hinweise, wie die Prüfungen bestanden werden können.

 

Teresas Empfehlungen

Gegeißelter Jesus – Teresas Besitz, ausgestellt im Museum Alba de Tormes

Teresa hat selbst erfahren, wie entscheidend es für das geistliche Vorankommen ist, mit wem man sich abgibt. Sie wirbt dafür, „mit Menschen umzugehen, die nach demselben Ziele streben“. Dabei soll sich die Seele in der inneren Burg „nicht nur an die halten, die im gleichen Raum sind, wo sie sich selber befindet, sondern auch an jene, von denen sie weiß, dass sie schon weiter zur Mitte vorgedrungen sind“. Sie spricht hier wieder aus Erfahrung, denn erst durch die Begegnung mit wirklich guten Seelenführern wie Pater Jerónimo Gracián findet Teresa selbst aus den Dunkelheiten der ersten Wohnung zum Licht. Sie rät deshalb, die seelischen Nöte nicht in sich hineinzufressen, sondern „sich mit erfahrenen Personen zu besprechen“.

In eine ähnliche Richtung geht auch ihre Empfehlung, die Nähe Jesu zu suchen. In all ihren Werken kommt Teresa immer wieder darauf zu sprechen, wie wichtig für das geistliche Leben die persönliche Beziehung zu ihm ist. Sie kennt dabei zwei verschiedene Wege: die Betrachtung des Lebens und Leidens Jesu, um ganz rational zu erfassen, was er für uns getan hat; aber auch, sich vorzustellen „bei Christus zu sein, und es sich zur Gewohnheit zu machen, sich sehr in seine heilige Menschheit zu verlieben, ihn immerfort bei sich zu haben und mit ihm zu sprechen, ihn in seinen Nöten zu bitten, sich in seinen Plagereien bei ihm zu beklagen, in glücklichen Stunden sich mit ihm zu freuen und ihn deswegen nicht zu vergessen, ohne sich um vorformulierte Gebete zu bemühen, sondern mit Worten, wie sie seinen Wünschen und seinem Bedürfnis entsprechen“.

In der Vita bedenkt Teresa auch, dass es nicht nur auf Worte ankommt, um die Nähe Jesu zu gewinnen, sondern mehr noch auf die Innigkeit. Teresa gewinnt diese Vertrautheit vor allem durch die nebenstehende Christusfigur, die sie immer wieder gern betrachtet und bei der sie gerne verweilt. In der Vita schreibt sie dazu: Man sollte „mit dem Verstand schweigen und […] den anschauen, der mich anschaut“. Hier deutet die Mystikerin schon an, was in den folgenden Wohnungen erfahrbar wird: die Gegenwart Gottes.

 

Geistliche Übung

Kreuztragender Jesus – polychrome Holzskulptur, Bestandteil einer Passionsfigurengruppe aus dem 17. Jh., ausgestellt im Colegio de San Gregorio in Valladolid

Im spanischen Valladolid wird ein schöner Brauch aus der Zeit Teresas wachgehalten: Bei der Karfreitagsprozession trägt oder fährt man lebensgroße Figurengruppen, sogenannte pasos, durch die Stadt. Die Gläubigen sollen mit diesen Nachbildungen des Kreuzweges Jesu emotional berührt werden und sich auf diese Weise in das einstige Geschehen einfühlen. In Anlehnung an diese alte Tradition und auf ausdrückliche Empfehlung Teresas sei wieder eine geistliche Übung genannt – diesmal, um mit den Herausforderungen der zweiten Wohnung der inneren Burg fertig zu werden.

Zu empfehlen ist zum Beispiel das bewusste Anschauen einer Figur des leidenden Christus. Wer nicht selbst über ein ansprechendes Exemplar verfügt, kann einmal beim nächsten Kirchenbesuch gezielt danach suchen. Bei unseren nordböhmischen Nachbarn sind auch in der freien Flur viele solcher Jesusdarstellungen zu finden – meist als Korpus an Wegkreuzen, mitunter auch als Bilder an Felsen oder als freistehende Plastiken. Teresa ermuntert in ihrem Werk „Die innere Burg“, nicht nur bei einer solchen Jesusfigur zu verweilen, sondern uns auch an das Kreuz zu klammern. Sie meint das natürlich sinnbildlich. Doch wir können durchaus einmal das Experiment wagen, das Kreuz – ähnlich wie auf dem untenstehenden Bild von Sieger Köder – wirklich zu umfassen und nachzuspüren, was wir dabei empfinden. Wir können auch – wie schon bei der ersten Wohnung – versuchen, aufkommende Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen. Vielleicht so:

 

Bild aus dem Kreuzwegzyklus von Sieger Köder, Stephanuskirche in Wasseralfingen

Rissig ist das Holz.
Rissig wie der Freundesbruch.
Wie das viele Vertrocknete in mir.
Aber auch wie neue Lebensnischen.

Hart ist das Holz.
Hart wie der einstige Urteilsspruch.
Wie das Erstarrte in mir.
Aber auch wie neuer Lebenshalt.

Nass ist das Holz.
Nass wie der blutende Kreuzesstamm.
Wie der weinende Seelengrund in mir.
Aber auch wie neuer Lebenssaft.

Kalt ist das Holz.
Kalt wie jene Mördertat.
Wie das Abgestorbene in mir.
Aber auch wie neue Lebensfrische.

Nah ist das Holz.
Nah wie das unrechte Leid.
Wie die eigene Ohnmacht in mir.
Aber auch wie neue Lebenskraft.

 

19. Nov. 2017
Text und Fotos: Jeannette Gosteli
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