Geistliche Impulse

Wöchentliche Gedanken, Anregungen oder Übungen für die Praxis christlicher Spiritualität


 

Antonius der Große – Teil 2: Kein Grund zur Sorge

 

Antonius der Große ist ein Vorzeigechrist – das erfuhren wir bereits in der vorhergehenden Betrachtung. In der von Bischof Athanasius verfassten Vita wird nur Lobenswertes über den jungen Ägypter berichtet: Antonius wird christlich erzogen, er geht seit der Kindheit regelmäßig in die Kirche, lässt sich als Zwanzigjähriger von Gottes Wort treffen und er teilt daraufhin seinen Besitz mit den Armen. Was will man mehr? Doch für den Kirchenvater ist der geistliche Weg des Antonius längst nicht am Ende. Genau genommen fängt er jetzt erst richtig an.

 

„Wie eine kluge Biene“

Im dritten Kapitel der Vita erfahren wir, dass sich Antonius ein zweites Mal im Gottesdienst angesprochen fühlt. Er hört aus dem Evangelium: „Sorget euch nicht um das Morgen“ (Mt 6,34). Offensichtlich brauchte er noch diesen Anstoß, um auf den Ruf zur Nachfolge nicht nur halbherzig zu antworten. Denn dieser Ruf bedeutet letztlich, das vertraute Umfeld und damit alle Sicherheiten zu verlassen. Antonius sorgt sich nicht so sehr um sich selbst, vielmehr halten ihn seine familiären Pflichten zurück: die Verantwortung für den geerbten Hof und die kleine Schwester. Doch dieses Gotteswort ermutigt ihn, seine Schwester in die Obhut frommer Frauen zu geben und sich nun ganz der Askese, also der Einübung in einen neuen Lebensstil, zu widmen.

Athanasius erklärt uns auch, wie Antonius dieses neue Dasein als Suchender und Übender beginnt: Er geht vor allem bei anderen Einsiedlern, die auf dem geistlichen Weg schon weiter vorangeschritten sind, in die Schule. Zunächst ist von einem trefflichen Manne“ die Rede, den Antonius „wie eine kluge Biene“ aufsucht und erst heimkehrt, „nachdem er von ihm gleichsam eine Wegzehrung erhalten hat für seinen eigenen Pfad zur Tugend“. Später wird in der Vita von weiteren Besuchen erzählt und betont, wie aufmerksam Antonius dabei ist: „Bei dem einen beobachtete er die Freundlichkeit, bei dem anderen den Gebetseifer; an diesem sah er seine Ruhe, an jenem Menschlichkeit; bei dem einen merkte er auf das Wachen, bei dem anderen auf die Wissbegierde; den bewunderte er wegen seiner Standhaftigkeit, jenen wegen des Fastens und des Schlafens auf bloßer Erde; an dem einen beobachtete er die Sanftmut, an dem anderen seine Hochherzigkeit; an allen zusammen aber fiel ihm auf die fromme Verehrung für Christus und ihre wechselseitige Liebe.“ Antonius ist also ein Lernender, der auf das Gute im anderen achtet und sich davon anspornen lässt.

Antonius konzentriert sich gleich zu Beginn seiner Askese auf vier Bereiche: Er bemüht sich, bei sich zu bleiben und gibt auf seine Gedanken acht; er hört und merkt sich Bibelworte; er übt sich im unaufhörlichen Beten und verrichtet Handarbeit, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen und den Armen etwas abzugeben. Auf diese Weise entwickelt sich der junge Mann recht bald – so das Zeugnis von Bischof Athanasius – zu einem äußerst liebenswerten Menschen, den die Dorfbewohner daher auch „Liebling Gottes“ nennen.

 

Seelische Kämpfe

Versuchung des hl. Antonius durch den Geist der Wollust – dritte Szene der Antoniustafel (1503) im Ostchor des Lübecker Doms

Die Lübecker Antoniustafel erzählt von diesen anfänglichen Schritten nichts. Dafür veranschaulicht sie eine für das geistliche Leben wichtige Episode aus dem Leben des hl. Antonius: die Versuchungen durch eine teuflische Gestalt. Vielleicht wird der eine oder andere jetzt abwinken. Wer glaubt heute schon noch an den Teufel? Doch wenn wir den Originaltext der Vita lesen, werden wir spüren, dass auch schon im 4. Jh. der Teufel nicht als physische Gestalt angesehen wird; er ist vielmehr der unsichtbare Verursacher quälender Gedanken.

Schon die frühen Wüstenväter trösteten sich auf diese Weise, dass das Böse nicht in uns ist, sondern wie die jetzigen Herbststürme von außen herangefegt kommen. Die Vita nennt auch gleich am Anfang den Grund für derartige seelische Nöte: Das Gute ist immer auch Zielscheibe des Bösen. Wörtlich heißt es: „Der Teufel aber, voll Hass und Neid gegen das Gute, konnte es nicht ertragen, einen so standhaften Vorsatz in einem so jungen Menschen zu sehen.“

Die Vita berichtet ziemlich ausführlich, zu welchen Maßnahmen der Teufel greift, um das Gute in Antonius wieder zu vernichten. Zuerst weckt er „Erinnerungen an seinen Besitz, […] die Sorge für seine Schwester, den Verkehr mit seiner Verwandtschaft, Geldgier und Ehrgeiz, die mannigfache Lust des Gaumens und all die anderen Freuden des Lebens, indem er ihm endlich vorstellte, wie rau die Tugendübung sei und wie groß die Anstrengung dabei; er wies ihn hin auf die Schwachheit des Leibes und die Länge der Zeit. Mit einem Worte, er erregte einen gewaltigen Sturm von Gedanken in seinem Innern, da er ihn von seinem guten Vorsatz abbringen wollte.“ Und wie reagiert Antonius? Er bleibt standhaft, hält sich an seinen Glauben und betet beständig.

Derart niedergerungen nimmt der Teufel einen neuen Anlauf und „setzte sein Vertrauen auf die Waffen ‚am Nabel seines Bauches‘, und voll Stolz darauf – denn es sind seine ersten Fallstricke für Jünglinge –, stürmte er heran gegen ihn, den Jüngling; er bedrängte ihn nachts und setzte ihm am Tage […] zu.“ Solche Bedrängnisse äußern sich vor allem in Phantasien, wie schön es wäre, eine Frau zu haben. Antonius „aber dachte an Christus und den durch ihn erlangten Adel der Seele, an ihre geistige Art, und erstickte die glühende Kohle seines Wahnes.“

Am Ende dieses seelischen Kampfes gibt sich der Teufel dem Antonius zu erkennen. Hinter den gewaltigen Gedankenstürmen steckt, wie auf dem Tafelbild gut dargestellt, eine kleine erbärmliche Gestalt – ein schwarzer Knabe, der sich Antonius unterwirft. Wir sehen, die Rede vom Teufel in der Vita Antonii will uns nicht ängstigen. Vielmehr soll uns bewusst werden, dass die seelischen Bedrängnisse gar nicht so mächtig und stark sind, wie es uns vorkommt. Es braucht allerdings einen starken Willen und das Gebet, um ihrer Herr zu werden – so die Botschaft des hl. Antonius.

 

 Körperliche Qualen

Kampf mit den Dämonen – vierte Szene der Antoniustafel (1503) im Ostchor des Lübecker Doms

Doch Antonius ist darauf gefasst, dass das Böse nicht so schnell klein beigibt. Statt auf den nächsten Angriff zu warten, geht der Einsiedler in die Offensive. Er verschärft seine Askese, wandert ab und sucht sich ein Quartier weit weg vom Dorf. Die Vita spricht von einem Grab, die wir uns wie eine größere Gruft mit Tür vorstellen können. Ein solcher Ort gilt seit jeher als Reich Todes, als Herrschaftsgebiet der Dämonen. Hinzu kommt, dass sich solche Grabanlagen im alten Ägypten oftmals an der Grenze zwischen dem zivilisierten Land und der lebensfeindlichen Wüste. In diesem Zwischenbereich wartet der nächste Kampf auf Antonius. Denn nach Aussagen der Vita „hielt es der böse Feind nicht aus, er fürchtete, Antonius möchte in Kürze auch die Wüste mit seiner Askese erfüllen, und so ging er in einer Nacht hin mit einer Schar von Dämonen und schlug ihn so heftig, dass er sprachlos vor Qualen auf dem Boden lag.“ Ein Freund kommt ihm zu Hilfe und stärkt ihn mit Brot. Doch letztlich muss Antonius diesen Kampf allein austragen. So wiederholen sich die Attacken. Der Asket bekommt das Gefühl, als würden die Dämonen nicht nur in die Behausung einbrechen; sie greifen ihn sogar in der Gestalt von wilden Tieren an – jedes auf seine Weise. Mutig schmettert Antonius ihnen entgegen, wie schwach doch jeder für sich allein ist, denn sonst müssten sie nicht in der Menge auftreten. Und wirklich Starke haben es auch nicht nötig, sich in gefährliche Tiere zu verwandeln. Schließlich fordert Antonius sie auf heranzukommen. Doch mit einem Mal werden die Dämonen wieder unsichtbar und zwar in dem Moment, als Antonius das geöffnete Dach entdeckt und ein Lichtstrahl auf ihn herabkommt. In diesem Leuchten muss er Gott wahrgenommen haben, denn er fragt: „Wo warst du? Warum bist du nicht zu Anfang gekommen, um meine Qualen zu beendigen?“. Und er erhält die Antwort: „Antonius, ich war hier, aber ich wartete, um dein Kämpfen zu sehen. Da du den Streit bestanden hast, ohne zu unterliegen, werde ich dir immer hilfreich sein […].“

Wir sehen, auf dem geistlichen Weg werden wir auch vor körperlichen Qualen nicht verschont. Innere Nöte sind letztlich auch physisch spürbar und wie auf dem Tafelbild äußerlich sichtbar. Das weiß die psychosomatische Medizin inzwischen allzu gut. Und diese Pein kann so groß sein, dass sie sich sinnbildlich nur noch mit Bedrohungen und Verletzungen von wilden Tieren beschreiben lässt. Doch auch bei diesen Angriffen wird uns kein Warnschild aufgestellt, diese Gefahrenzone nicht zu betreten. Ganz im Gegenteil, wir werden ermutigt, solche Auseinandersetzungen auf uns zu nehmen – erstens, weil uns diese Kämpfe zwar verletzten, aber nicht töten werden, solange wir wie Antonius am Gebet festhalten; zweitens, weil wir nicht allein sind. Gott ist bei uns, auch wenn wir ihn erst später erkennen.

21. Okt. 2018
Text und Fotos: Jeannette Gosteli
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