Geistliche Impulse

Wöchentliche Gedanken, Anregungen oder Übungen für die Praxis christlicher Spiritualität


 

 

Das Hildegard-Labyrinth – Teil 3: Begegnung mit der Liebe

 

Heute schreiten wir den nächsten Abschnitt im Hildegard-Labyrinth ab. Wir ziehen dazu einen großen Bogen, der noch ziemlich weit von der Mitte entfernt ist. Das Knirschen der kleinen Kieselsteine kann die Assoziation wecken, wie mühsam der geistliche Weg sein kann. Der tragende Boden unter den Füßen kann aber genauso gut in Erinnerung rufen, dass wir auf unserer Gottsuche getragen sind. Orientierung geben die rechts- und linksseitigen Pflasterreihen, so dass wir bald den nächsten Stein erreichen. Es ist ein einladender Wendepunkt, an dem uns eine Frauengestalt mit erhobenen Armen begrüßt. Unübersehbar hält sie uns ein unbeschriebenes Buch hin. Wer mag diese Gestalt sein?

 

Die Begegnung mit der „Gestalt der Liebe“

Die Frau – Sinnbild für Liebe und Weisheit

Antwort finden wir in einer alten Handschrift, dem sogenannten Lucca-Codex des Liber divinorum operum. Dieses Buch vom Wirken Gottes enthält zehn Visionen, die Hildegard von Bingen ziemlich gegen Ende ihres Lebens niederschreibt. Es gilt als reifstes Werk der Visionärin, weil sie in großen komplexen Bildern die Beziehung zwischen Gott, Mensch und Welt beschreibt. Demnach ist Gott kein verborgener Gott; er lässt sich an seinem schöpferischen Wirken erkennen. Mehr noch: Er ist einer, dessen „Macht und lichte Weisheit [sich] im menschlichen Körper spiegelt“. Das Besondere am Lucca-Codex sind die facettenreichen Miniaturen, die Hildegards göttliche Offenbarungen ins Bild setzen. Auf einer der zehn Farbtafeln werden wir fündig: Die Frau auf dem Keramikstein ist ein Abbild der mittelalterlichen Darstellung. Hildegard bezeichnet sie in ihren Texten als „Gestalt der Liebe“ – eine äußerst faszinierende Erscheinung, die von der Ordensfrau immer wieder in den Visionen geschaut, gehört und interpretiert wird.

Auffallend ist, dass die „Gestalt der Liebe“ im Laufe der zehn Visionen ihr Gewand wechselt. War es erst golden, später rot, so erscheint es jetzt grün. Das bedeutet wohl: Die Liebe hat viele Färbungen. Sie ist strahlend hell wie das göttliche Licht, das alles durchflutet. Die Liebe erscheint aber auch in Rot wie die Farbe des Herzens und in Grün wie die göttliche Lebenskraft. Nicht nur die Farbe ändert sich; auch die Kleidung wird immer schmuckvoller. Hildegard betont in der zehnten Vision die zahlreichen Edelsteine, mit denen das grüne Gewand geschmückt ist. Sie erklärt dazu: „Der Schmuck der Frau zeigt die Tugenden der Liebe.“ Einer Erwähnung wert sind ihr auch die Schuhe, „die wie Blitze ihre Schönheit ausstrahlen, […] auf dass alle Wege des Menschen im Licht der Wahrheit lägen“.

Gestalt der Liebe aus dem Lucca-Codex – Detail aus der hintergrundbeleuchteten Farbtafel im Museum am Strom in Bingen

Hildegard erlebt diese Liebesgestalt als „höchste feurige Kraft“, die von sich selbst sagt: „Ich […] flamme über die Schönheit der Fluren, leuchte in den Wassern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Mit dem Windhauch, dem unsichtbaren Leben, das alles erhält, erwecke ich alles zum Leben. Die Luft lebt nämlich im Grünen und im Blühen, die Wasser fließen, als ob sie lebten, auch die Sonne lebt in ihrem Licht. Und wenn der Mond abgenommen hat, wird er vom Licht der Sonne entzündet und lebt gleichsam, auch die Sterne leuchten in ihrem Licht, als ob sie lebten. […]

Die „Gestalt der Liebe“ wird in Hildegards Visionen auch mit der Weisheit in Verbindung gebracht – einer Weisheit, die den gesamten Kosmos nicht nur wohlgeordnet, sondern ebenso alles belebt und beseelt hat.

Hildegard von Bingen – Darstellung auf einer Keramik-Stele am Benediktinerinnenkloster in Eibingen

Eng damit verbunden ist auch der Bezug zur Vernunft, den Hildegard ausführlich beschreibt. So hört sie zum Beispiel die „Gestalt der Liebe“ sagen: „Ich bin auch die Vernunft, die den Windhauch des tönenden Wortes in sich hat, durch den jedes Geschöpf gemacht ist; und in das alles habe ich Leben gehaucht, sodass keines davon seiner Art nach sterblich ist; denn ich bin das Leben. Ich bin nämlich das volle Leben, […] alles Lebendige [hat] in mir seine Wurzeln. Die Vernunft nämlich ist diese Wurzel; das tönende Wort aber erblüht in ihr. Da aber Gott die Vernunft ist, wie könnte es da geschehen, dass Er nicht wirkt, da jedes Werk von Ihm durch den Menschen blüht? Er schuf ihn nach seinem Bild und Gleichnis und zeichnete im Menschen alle anderen Geschöpfe nach ihrer Maßgabe ein.“

 

Die Liebe wendet alles

Was heißt das nun für uns, die wir erneut an einer Wendestelle im Labyrinth stehen? Nun, wir könnten darüber nachdenken, wo uns eine solche „Gestalt der Liebe“ schon einmal selbst begegnet ist. Wir könnten uns Momente ins Gedächtnis rufen, die unser ganzes Leben durch die Kraft der Liebe verändert haben. Momente, in denen uns Augen und Ohren aufgingen und in denen wir auf einmal den von Hildegard beschriebenen Glanz der ganzen Schöpfung sehen konnten. Vielleicht ist es an der Zeit, umzukehren und dem wirklich Wichtigen in unserem Leben, der Liebe, wieder mehr Raum zu geben. Denn die Liebe wendet alles. Hildegard drückt es in einem Briefwechsel an mit Papst Athanasius IV. so aus: „Vom Herzen aber geht Heilung aus, wenn das Morgenrot eines Neubeginns sichtbar wird. Unsagbar ist, was dann aufbricht an neuem Verlangen nach Gott und an Eifer für sein Werk, unsere Welt.“

 

21. Jan. 2018
Text und Fotos: Jeannette Gosteli
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