Geistliche Impulse

Wöchentliche Gedanken, Anregungen oder Übungen für die Praxis christlicher Spiritualität


 

Geschwisterlich leben – die Botschaft des franziskanischen Sonnengesangs

Wenn Lebensstätten von bedeutenden Personen mit einem thematischen Weg erschlossen werden, stehen die Initiatoren meistens vor einer kaum zu lösenden Aufgabe. Einerseits sollen die einzelnen Wirkungsorte möglichst chronologisch aneinandergereiht werden, andererseits ist auch eine Route zu finden, die zum Nachgehen einlädt und daher keine allzu große Zick-Zack-Linie bildet. Oft geht dann die Lösung zu Lasten der korrekten zeitlichen Abfolge – so auch beim Franziskusweg, der den Spuren des hl. Franz von Assisi folgt. Dieser vor 15 Jahren eingerichtete Pilgerweg beginnt auf La Verna – einem Berg in Nordumbrien, den Franziskus erst zwei Jahre vor seinem Tod aufsucht. Von seinen Gefährten wissen wir, dass er hier in einer Vision die Wundmale Christi
empfängt – ein mit dem Verstand kaum zu fassendes Ereignis.

 

Die erste Begegnung mit Franziskus

Franziskus und die Geschöpfe – Mosaik an der Klostermauer auf dem Berg La Verna

Die erste Begegnung mit diesem außergewöhnlichen Heiligen auf dem Franziskusweg ist daher eine echte Herausforderung; sie wird aber durch ein schönes Mosaik erleichtert. Das kleine Kunstwerk befindet sich an der Mauer, die zum heutigen Franziskanerkloster auf dem Berg La Verna gehört. Es erinnert an die besonders innige Beziehung, die Franziskus zur Natur entwickelt. In den Legenden wird immer wieder davon berichtet, wie zutraulich die Tiere auf den Ordensmann reagieren. Er achtet auf jeden noch so kleinen Wurm und spricht zu ihnen, als wären es menschliche Wesen. Das Mosaik ist deshalb eine Hilfe, sich Franziskus auf dem Berg La Verna zu nähern, weil es uns an seine Gabe erinnert, in jedem Wesen, in jedem Geschöpf etwas Schönes, Gutes und Liebenswertes zu entdecken. Franziskus kann das, weil er überall auf Erden Gottes Wirkkraft wahrzunehmen vermag. Ein schönes Zeugnis dafür findet sich in seiner Meditation zum Vaterunser. Dort heißt es:

 

„Du [Gott] bist in den Himmeln,
in den Engeln und in den Heiligen.

Du erleuchtest sie zum Erkennen,
weil Du, Herr, das Licht bist.

Du entflammst sie zur Liebe,
weil du, Herr, die Liebe bist.

Du wohnst in ihnen und erfüllst sie zur Seligkeit,
weil Du, Herr, das höchste Gut bist,
das ewige Gut, von dem alles Gute kommt
und ohne dem nichts Gutes kommt.“

 

Alles, was Franziskus begegnet; alles, was ihm widerfährt, steht für ihn in Beziehung zu diesem Gott. Und so ist die Stigmatisierung auf La Verna vor allem eins: eingeprägte Begegnung mit dem liebenden Gott.

 

Das Geheimnis einer innigen Beziehung

 Auf dem Mosaik ist auch eine leuchtende Sonne zu sehen, die sicher auf eines der schönsten Lieder verweisen will, die uns Franziskus hinterlassen hat: auf den „Lobgesang der Geschöpfe“, besser bekannt unter dem Namen „Der Sonnengesang“. Das Berührende an diesem poetischen Text ist die geschwisterliche Anrede, die Franziskus für die Himmelskörper, aber auch für die vier Elemente und alle Wesen, ja sogar für den Tod verwendet. Auch wenn der Wortlaut jedem bekannt sein dürfte, wollen wir ihn uns noch einmal ins Gedächtnis rufen:

 

Herr, sei gelobt durch Bruder Sonne,
er ist der Tag, der leuchtet für und für.
Er ist dein Glanz und Ebenbild, o Herr.

Herr, sei gelobt durch unsere Schwester Mond
und durch die Sterne, die du gebildet hast.
Sie sind so hell, so kostbar und so schön.

Herr, sei gelobt durch unseren Bruder Wind,
durch Luft und Wolken und jedes Wetter.
Dein Atem weht dort, wo es ihm gefällt.

Herr, sei gelobt durch Schwester Wasser,
sie ist gar nützlich, demutsvoll und keusch.
Sie löscht den Durst, wenn wir ermüdet sind.

Herr, sei gelobt durch Bruder Feuer,
der uns erleuchtet die Dunkelheit der Nacht.
Er ist so schön, gar kraftvoll und so stark.

Herr, sei gelobt durch Mutter Erde,
die uns ernährt, erhält und Früchte trägt.
Die auch geschmückt durch Blumen und Gesträuch.

Herr, sei gelobt durch jene, die verzeihen,
und die ertragen Schwachheit, Leid und Qual.
Von dir, du Höchster, werden sie gekrönt.

Herr, sei gelobt durch unseren Bruder Tod,
dem kein Mensch lebend je entrinnen kann.
Der zweite Tod tut uns kein Leid mehr an.

Höchster, allmächtiger und guter Herr,
dein sind der Lobpreis,
die Herrlichkeit und Ehr.
Lobet und preiset den Herrn
in Dankbarkeit
und dienet ihm in großer Demut.

 

Sonnengesang des hl. Franziskus – Glasfenster von Sieger Köder in der Franziskuskapelle in Ellwangen

Es gibt viele Kommentare zu diesem schönen Loblied und fast ebenso viele bildliche Darstellungen. So unterschiedlich sie auch sein mögen, sie alle betonen Franziskus‘ Erfahrung einer geschwisterlichen Welt. Indem er seine Mitgeschöpfe – die nahen wie die fernen – als Bruder oder Schwester anspricht, drückt der Gottsucher seine innige Verbundenheit mit allen Geschöpfen aus.

Sieger Köder verwendet für diese Geschwisterlichkeit eine eindrückliche Bildsprache. In einem Fensterbild der Franziskuskapelle in Ellwangen gibt er jedem der genannten Geschöpfe ein Gesicht. So erhält der Betrachter eine Ahnung von der mystischen Erfahrung, die uns Franziskus in seinem Sonnengesang nahebringen will. Alles wird zu einem „Du“, mit dem man in Verbindung treten kann.

Wir kennen das vermutlich am ehesten aus unseren eigenen Beziehungen. Ein Mensch, der uns liebt, wird uns immer gern auch sein Angesicht zuwenden. Er wird seine Augen auf uns ruhen und uns auf diese Weise seine Liebe spüren lassen. Doch Franziskus hat einen viel weiteren Horizont abgesteckt. Denn für gewöhnlich suchen wir diese Erfahrung von Liebe und Zuwendung im Kreis der eigenen Familie und bei ausgewählten Freunden. Franziskus aber hatte alles verlassen und in der Verlassenheit alles gefunden: Gott, der wirkliche Liebe untereinander erst möglich macht.

Und so will uns der Sonnengesang einladen, die liebende Zuwendung nicht nur dort zu suchen, wo sie uns von eigenem Nutzen ist, sondern in jedem Geschöpf, das in dieser schönen Welt zuhause ist.

23. Juli 2017
Text und Fotos: Jeannette Gosteli
→ Pdf-Datei zum Herunterladen
Fensterbild von Sieger Köder

 

 

 

 

 



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